Typisch israelisch – Die Top 10

Was ist eigentlich „typisch israelisch“? Diese Frage lässt sich gar nicht so einfach in einem Artikel beantworten. Deswegen mache ich es mir ein bisschen leichter und beschränke mich auf 10 Dinge, die „iraelisch-Sein“ im Wesentlichen zusammenfassen. 10 Dinge, denen du während deines Besuches im Land aller Wahrscheinlichkeit nach begenen wirst, oder von denen du zumindest hören wirst:

1. ‘Pakal Kafe‘ (Kaffee-Ausrüstung)

‘Pakal Kafe' (Kaffee-Ausrüstung)

Das Wort „pakal“ ist eigentlich eine Abkürzung für “pkudat keva lechayal”, was in der Armeesprache die Ausrüstung umfasst, die ein Soldat unter allen Umständen bei sich tragen sollte. Aber wie viele andere Abkürzungen aus dem Armee-Slang hat auch diese in Zivilsprache ihre eigene Bedeutung erhalten. „Pakal-Kafe“ ist ganz einfach alles, was man dabei haben muss, um auf einer Wanderung Kaffee (oder Tee) zu kochen. Wenn du jemals mit Israelis wandern warst, hast du das ganz sicher schon gesehen: Sobald der Gipfel oder ein schöner Aussichtspunkt erreicht ist, packen die Israelis einen Beutel aus (oder falls sie mit dem Auto unterwegs eine Kiste), in dem sich ein handlicher Gaskocher, ein kleiner Topf, ein paar Gläser, Zucker, Tee und Kaffee befinden. Und dann wird Kaffee auf türkische Art gekocht, man isst dazu ein paar Kekse und diskutiert das Leben.

2. Freitagabendessen

Freitagabendessen

In Deutschland und den meisten anderen westlichen Ländern ist es üblich, dass die erwachsenen Kinder, wenn sie nach dem Schulabschluss das Elternhaus verlassen haben und studieren oder arbeiten, nur noch ab und an im Jahr nach Hause kommen: Weihnachten, Ostern, Mamas Geburtstag und vielleicht noch ein paar Mal. In Israel ist das anders. Weil die Entfernungen so gering sind (eine Stunde Fahrtweg gilt als „weit weg“) und weil die israelische Gesellschaft sehr auf die Familie orientiert ist, kommt die Familie ein Mal pro Woche zusammen. Selbst Familienmitglieder, die einander nicht mögen, treffen sich jede Woche um zu streiten. Wichtig ist, dass man zusammenkommt. Ausländische Studenten, die mit mir studierten und die in den Wohnheimen auf dem Campus wohnten, beklagten sich immer über die öden Wochenden. Alle israelischen Mitbewohner würden am Donnerstag zu ihren Eltern fahren und erst am Sonntag bepackt mit Tupperdosen voller Essen für die Woche wieder zurückkommen.

3. Matkot (Strandtennis)

Matkot (Strandtennis)

Israelis sind gut in vielen Bereichen. Der Prozentsatz an Studenten ist einer der höchsten der Welt, Israel hat eine ausgezeichnete Armee,10 Nobelpreisträger, eine hochmoderne Landwirtschaft und hat Erfindungen hervor gebracht, die die moderne Technik veränderten. Doch wenn es etwas gibt, worin wir wirklich nicht besonders gut sind, dann ist das Sport. Fußball und Basketball sind unsere Lieblingssports, aber ehrlich gesagt, sind Israelis da ziemlich mittelmäßig. Die israelische Fußballnationalmannschaft schaffte es einmal sich für die WM zu qulifizieren und das war 1970 in Mexiko. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass wir ein Spiel erfunden haben, bei dem man nicht verlieren kann: Matkot. Das Ziel ist simpel: Haltet den Gummiball über möglichst viele Schläge in der Luft!

Während man in anderen Ländern an den Strand geht um sich beim Rauschen der Wellen vom Lärm und der Hektik des Tages zu erholen, wird man in Israel Ruhe und Frieden nicht am Strand finden. Den ganzen Tag über ist das klackende Geräusch der Holzschläger zu hören, die den Ball hin und her spielen.

4. ‘Ptitim’ (Israelischer Couscous)

‘Ptitim’ (Israelischer Couscous)

Wenn man auf die israelische Geschichte zurück blickt, denkt man meistens an Kriege und Einwanderung. Doch eine der schwersten Krisen Israels ereignete sich in den 1950er Jahren: Im Land gab es beinahe nichts mehr zu essen. In diesem Jahrzehnt reichte der Vorrat an Grundnahrungsmitteln zeitweilig gerade mal für ein paar Tage. Vor dem Hintergrund dieser schwelenden Krise und dem Zustrom von Juden aus arabischen Ländern, die es gewohnt waren Reis und Couscous zu essen,wandte sich Ben Gurion an Osem, einen großen israelischen Nudelhersteller, und forderte sie auf einen Reisersatz aus Weizen zu entwickeln. Osem nahm die Herausforderun an und entwickelte „Ptitim“ – geröstete Pasta-Kügelchen. Früher wurden sie „Ben-Gurion-Reis“ genannt und außerhalb Israels waren sie auch als „Israelischer Couscous“ bekannt.

Ptitim gehören zum Lieblingsessen israelischer Kinder. Ptitim, Schnitzel und Ketchup ist alles, was ein israelisches Kind nach der Schule braucht.

5. Yom Kippur

Yom Kippur in Tel Aviv

Yom Kippur ist der höchste Feiertag im jüdischen Kalender. Es ist der Tag der Bitte um Vergebung, der Selbstprüfung und der inneren Reflexion. An diesem Tag wird gefastet, etwa 70 Prozent der Juden in Israel fasten und gehen zum Gebet die Synagoge. In mancherlei Hinsicht gilt Sabbat als heiliger als Yom Kippur, doch in der israelischen Öffentlichkeit wird Yom Kippur als ein ganz besonderer Tag wahrgenommen. Die Schiffshäfen und die Flughäfen sind geschlossen, es gibt weder Radio- noch Fernsehsendungen, alle Geschäfte sind geschlossen, der öffentliche Verkehr steht still und abgesehen von Krankenwagen und Feuerwehr fährt auch sonst kein Auto auf den Straßen. Ein offizielles Gesetz, das das Fahren von Fahrzeugen an Yom Kippur verbietet gibt es nicht, aber niemand tut es. Viele Israelis, die nicht fasten oder zur Synagoge gehen, nutzen die Gelegenheit und fahren Fahrrad auf der Autobahn. Yom Kippur in Israel zu erleben, ist definitiv eine besondere Erfahrung!

6. Mangel an Höflichkeit und Takt


Mangel an Höflichkeit und TaktOben: Israelis versuchen der Reihe nach in den Bus einzusteigen.

Während einer meiner Führungen, saß ich mit einem Touristen-Paar in einem angesehenen Restaurant in Jerusalem. Der Mann bestellte Fisch und seine Frau bestellte dasselbe Gericht. Die Kellnerin, die die Bestellung aufnahm rief aus: „Ach kommen Sie, seien Sie nicht langweilig! Wollen Sie nicht lieber zwei verschiedene Gerichte probieren?“ So ist das in Israel: Jeder will mitreden, sogar die Kellnerin. Höflichkeit und Förmlichkeit interpretieren Israelis als Distanziertheit und emotionale Kühle. Israelis sind lieber offen und direkt. Das hat seine Vorteile: die Menschen sind warmherzig und sagen, was sie denken. Aber es bringt natürlich auch Nachteile mit sich: beim Einsteigen in den Bus wirst du angerempelt und geschubst und andere Leute scheren sich wenig um deine Privatsphäre und tun ungefragt ihre Meinung kund, ob du sie hören willst oder nicht.

7. Die Armee

Die Armee

Heut zu Tage ist die israelische Gesellschaft sehr viel individualistischer und kritischer gegenüber staatlichen Institutionen als noch vor etwa dreißig Jahren. Dennoch nimmt die Armee weiterhin einen ausgespochen bedeutsamen Platz in der israelischen Kultur ein. So ist das in einem Land, das in jedem Jahrzehnt in einem Krieg gekämpft hat (1948, 1956, 1967, 1973, 1982, 1991, 2006). Israel ist das einzige der Land der Welt mit einer Wehrpflicht für Frauen. Männer dienen drei Jahre, Frauen zwei. Neben den Kriegen und Konflikten, die jeden Fernsehbildschrim der Welt erreichen, ist die israelische Armee auch ein Schmelztiegel. Ein Kind, das in irgendeinem anderen Land in eine wohlhabende Familie hinein geboren wird, wächst in einer hübschen Gegend der Stadt auf, geht auf eine gute Schule und besucht anschließend eine angesehene Universität – und bleibt immer in seiner sozialen „Blase“. Gleiches gilt für Kinder aus armen Familien. In Israel dient jeder in der Armee. Besonders in den Kampftruppen kommen Männer und Frauen aus Norden und Süden, aus der Stadt und vom Land, religiöse und sekulare, Aschkenasim und Sephardim zusammen und alle lernen miteinander zu leben

8. Der Kibbutz

Der Kibbutz

Wäre diese Liste in den 1960ern erstellt worden, hätte der Kibbuz einen Platz deutlich weiter oben erhalten, doch 2015 nicht mehr. Der erste Kibbutz, Dgania, wurde 1909 gegründet, mit dem Traum von einer Gemeinschaft auf Basis der sozialistischen Ideale von Gleichheit und Kooperation. Dutzende weitere Kibbutzim wurden in den 1930er und 1940ern gegründet. Kürzungen der Mittel für die Landwirtschaft, finanzielle Engpässe der Kibbutzbewegung und der Wandel der israelischen Wirtschaft zur kapitalistischen Marktwirtschaft führten dazu, dass die allermeisten der 280 Kibbutzim in den letzten 30 Jahren Privatisierungen unterzogen wurden. Nur ungefähr 70 Kibbutzim sind heute immer noch gemeinschaftliches Eigentum und das liegt nicht an dem sozialistischen Idealismus, der in ihren Herzen so besonders stetig brennt, sondern daran, dass sie es sich durch erfolgreiche Industrie leisten können eine Genossenschaft zu bleiben. Eine ironische und interessante historische Tatsache: Die einzigen Kibbutzim, die ihre gemeinschaftliche Lebensform aufrecht erhalten konnten, waren die, denen es gelang sich erfolgreich den Forderungen des kapitalistischen Marktes anzupassen. Doch trotz der Privatisierungen steht der Kibbutz auf dieser Liste, und das nicht nur aus Nostalgie. In den letzten Jahren entstanden überall auf der Welt Bewegungen, die den Kapitalismus kritisieren und versuchen eine andere Lebensform zu entwerfen. Die Kibbutzbewegung in Israel ist das einzige Beispiel für ein im großen Stil erfolgreiches Modell der Umsetzung dieses Traums. Trotz seines Scheiterns lebten doch zehntausende Menschen für mehrere Jahrzehnte, und leben zum Teil auch heute noch, in einer Gesellschaft der Gleichheit.

9. Shimon Peres

Shimon Peres

Bei Wikipedia steht, dass Shimon Peres 1923 geboren wurde, doch die Wahrheit ist, dass er schon immer da war und unsterblich ist. Es gibt Fotos von ihm und nahezu allen wichtigen Oberhäuptern des 20. Jahrhunderts. Mehr als 48 Jahre war er Parlamentsmitglied, während dessen war er Chef der Arbeitspartei (HaAvoda), er war Finanzminister, Innen-, Außen- und Verteidigungsminister, Oppositionschef, Präsident und Premierminister, letzteres zweimal. Mit 30 Jahren war Peres bereits Generaldirektor des Verteidigungsministeriums und er war mitverantwortlich dafür, dass Israel atomar bewaffnet wurde. Sein Weg war nicht leicht. Im Ausland gilt er als äußerst einflussreicher Politiker, doch in Israel litt sein Ansehen über viele Jahre. Er verlor diverse Wahlen, sogar solche bei denen seine Ernennung als ausgemachte Sache galt, was ihm einen Ruf als Verlierer einbrachte. Außerdem führte er ein paar unfeine politische Manöver durch, eins davon ist als der „schmutzige Trick“ bekannt: Peres versuchte die Regierung zu Fall zu bringen, deren Mitglied er war. Nichtsdestotrotz gibt es keinen anderen Israeli dessen Leben und Wirken so eng mit der Geschichte und den Errungenschaften des Staates Israel verwoben sind.

10. Arik Einshtein

Arik Einshtein

Wenn die Flieger der israelischen Airline El-Al in Israel landen, wird Arik Einsteins Song „Wie gut, du bist zurück zuhause“ im Hintergrund gespielt. Arik Einstein war Israels größter Sänger. Er erreichte, was nur wenige Sänger erreichen, schon allein wegen seines breiten Repertoires. Er sang Kinderlieder und Kunstlieder, veröffentlichte einige Alben mit israelischer Heimatmusik und brachte den ersten Rock und Pop nach Israel. Außerdem wirkte er als Schauspieler und Autor in einigen bekannten israelischen Filmen mit. Neben seinem Erfolg als Sänger, Schauspieler und Parodist (und Israelmeister im Stabhochsprung in seiner Jugend) engagierte er sich für die Endeckung talentierter Musiker und förderte junge Sänger und Kreative in seinem Umfeld.

Obwohl er der beliebteste Sänger Israels war, bleib er ein bescheidener und einfacher Mann, der es zuhause am schönsten fand und nur ungern vor großen Mengen auftrat und Medienrummel und Preisverleihungen mied. Arik Einsteins Tod 2013 traf die israelische Öffentlichkeit wie ein Schlag und viele trauerten aufrichtig um ihn. Von allem, was über ihn gesprochen und geschrieben wurde, habe ich mit die treffendsten Zeilen ausgerechnet in einer deutschen Zeitung gefunden: „Es ist nicht leicht zu beschreiben, was Arik Einstein für die Israelis war. Er war Teil der Seele ihres Landes.“

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